Dieses Wochenende hatte ich die Gelegenheit den Alltag in einer japanischen Familie selbst mit zu erleben. Hintergrund dazu war das von unserer Uni angebotene 'Homestay'-Programm im Rahmen dessen ausländische Studierende an japanische Familien vermittelt werden, die bereit sind Zeit (i.d.R. zwei Tage) mit den Studierenden zu verbringen und ihnen so einen interessanten Einblick in das japanische Familienleben zu gewähren.
Meine Familie bestand aus dem Familienoberhaupt, Herrn Fukunaga (47), seiner Frau Sanae (45), die mich eingeladen hatte, und ihren drei Töchtern Misaki (15), Ai (18) und Chisato (21).
Herr Fukunaga arbeitet in Fukuoka (ca. 160km von Ōita entfernt) und lebt dort in seiner eigenen Wohnung. Er fährt nur 1-2 Mal im Monat nach Hause und verbringt das Wochenende dann gerne mit einer Zeitung auf dem Sofa oder vor dem Fernseher. Wie in den meisten japanischen Familien ist er als 'Businessman' (ビジネスマン) der Hauptverdiener. Sein Leben richtet sich in erster Linie nach der Arbeit und weniger nach der Familie. Ein Opfer, das er bedenkenlos erbringt, weil es die japanische Gesellschaft und Kultur so fordert. Ich habe mich leider nicht viel mit ihm unterhalten können, weil er sehr zurückhaltend war und kein Englisch sprach. Dennoch hat er einen sympathischen Eindruck auf mich gemacht.
Frau Fukunaga nimmt wiederum ihre Gesellschaftsrolle der guten Hausfrau und Mutter wahr.
Misaki, die Jüngste, wechselt demnächst von der Junior High School zur High School und muss sich daher gründlich auf ihre Aufnahmeprüfung in zwei Monaten vorbereiten. In Japan bedeutet das, dass man neben der regulären Schulzeit so oft wie möglich noch eine sog. 'Cram School' (塾) besucht. Und so ist es hier nicht ungewöhnlich, wenn die Kinder am Samstagabend um 20:45 Uhr noch für gute 1,5 Stunden zum Nachhilfeunterricht gehen. Gleiches wiederholt sich dann am Sonntagmorgen um 10 Uhr. Wie deutsche Schüler dieses System wohl finden würden? Ansonsten spielt Misaki noch Saxophon und ist bis über beide Ohren in Marius Yo verliebt, dem deutsch-japanischen Mitglied einer erfolgreichen japanischen Boy Band namens 'Sexy Zone'. Marius spricht u.a. Japanisch, Deutsch und Englisch und ist der Grund dafür, weshalb Misaki unbedingt Deutsch lernen möchte. Das 'Dankeschön' klappte jedenfalls schon ganz gut :-)
Chisato, die Älteste, studiert Englisch in Ōsaka und war nur zu Besuch, weil sie jetzt Semesterferien hat. Sie möchte später vielleicht Flugbegleiterin werden. Viel mehr habe ich von ihr aber nicht erfahren, weil sie sehr schüchtern war. Während der Semesterferien jobbt sie als Kellnerin in einem japanischen Restaurant.
Getroffen habe ich die Familie erst vor einem Supermarkt in dem wir dann gemeinsam einkaufen waren. Dann sind wir zu Fuß zu ihrer Wohnung gelaufen. Die Wohnung befand sich in einem Hochhaus in Bahnhofsnähe und war super modern. Sie waren auch erst im September dort eingezogen. Also nichts mit japanischen Papiertüren, -fenstern und Tatami-Matten auf dem Boden. Stattdessen gab es hellen Parkettboden, gleichfarbige Holztüren, einen westlichen Esstisch und einige Einrichtungsgegenstände von IKEA. :-)
| Ai's Zimmer - meine gemütliche Unterkunft für eine Nacht |
Wir sind relativ schnell zum Abendessen übergegangen. Es gab heiße Gemüsesuppe auf Tomatenbasis mit Kohl, Tofu, Hühnchen- und Schweinefleisch. Das ganze wurde in einem großen Topf auf eine heiße Platte in die Tischmitte gestellt und jeder durfte sich selbst mit seinen Stäbchen aus dem Topf bedienen. Dazu gab es Sashimi (rohe Fischfilets), Avocado und zum Schluss weißen Reis - wie das hier so üblich ist. Nach dem Abendessen haben wir Fotos ausgetauscht und uns lange unterhalten bis es irgendwann kurz vor 23 Uhr war und mir angeboten wurde nun das Badezimmer zu nutzen. Dazu sollte man folgendes wissen: in Japan ist es unüblich morgens zu duschen. Stattdessen wird abends ausgiebig gebadet. Eine volle Badewanne wird nacheinander von allen Familienmitgliedern benutzt. Da man sich das Wasser also mit allen teilt ist es ganz wichtig, dass man sich vorher gründlich reinigt. Dazu stehen Wasser und Eimer bereit. Die Prozedur sieht also so aus, dass man sich vorher mit Wasser und Seife wäscht und dann noch in die Badewanne steigt. Anschließend legt man sich ganz relaxt ins Bett.
Da es in meinem Zimmer hier im Studentenwohnheim keine Badewanne gibt, habe ich es richtig genossen mal wieder ein entspannendes Bad zu nehmen. Wenn ich auch nicht ganz abschalten konnte, weil ich Angst hatte doch irgendwas falsch zu machen. Z.B. wusste ich nicht, wie lange sie erwarten würden, dass ich in der Badewanne bleibe - sollte ich mich beeilen? Oder lieber noch bleiben, damit sie nicht denken, dass ich nicht sauber genug sei? Naja, das sind halt so die Gedanken, die man sich in so einem Umfeld bei einer fremden Kultur macht.
Heute morgen gegen halb 10 gab es dann Frühstück: Miso-Suppe mit Reis, dazu Äpfel und Bananen. Da ich aktuell ein wenig erkältet bin, habe ich mich sehr über die heiße Suppe gefreut. Grundsätzlich freue ich mich aber doch mehr über warme Sonntagsbrötchen. :-) Gefrühstückt haben wir nur zu dritt, weil es hier scheinbar ok ist, wenn nicht alle gemeinsam am Tisch sitzen. Gerade der Vater scheint selbst bestimmen zu dürfen, wann er isst und wann er wieder aufsteht - so war es nämlich auch beim Abendessen. Der Fernseher läuft eigentlich die ganze Zeit parallel zum Essen, i.d.R. irgendwelche japanischen Comedy-Sendungen. Besonders kurios fand ich die Tatsache, dass Frau Fukunaga ihren Mann nie mit Vornamen angesprochen hat, sondern immer mit 'Otōsan', dem japanischen Wort für Vater. Das klingt dann etwa so: 'Vater, möchtest du Bier trinken? - Ne, jetzt noch nicht.'
Insgesamt war es wirklich eine interessante Erfahrung, weil das Familienleben in Japan doch teilweise anders ist als das Familienleben in Deutschland. Die klare Geschlechter- und Rollenverteilung scheint für die meisten hier selbstverständlich zu sein. Ich bin sehr gespannt, ob sich das in naher Zukunft ändern wird oder ob die Japaner es tatsächlich schaffen ihre langjährigen Traditionen trotz Globalisierung aufrecht zu erhalten. Wir werden sehen. :-)

